Ein Evangelium eines Jesus

eine säkulare Parabel
von René Jossen

Einleitung

Ich bin Atheist. Das vorwegzunehmen scheint mir fair, denn es folgt ein Text über Jesus und ich möchte nicht, dass jemand ihn unter falschen Annahmen liest. Mein Atheismus bedeutet aber nicht Desinteresse. Im Gegenteil: Ich habe mich mein Leben lang tiefgründig mit verschiedensten Glaubensrichtungen und dabei auch mit der Bibel auseinandergesetzt.

Noch mehr als mit Religion beschäftige ich mich jedoch mit der Frage, wie ungerecht diese Welt für viele ist: Ausbeutung, Machtkonzentration und der Tendenz zur Gleichgültigkeit der Privilegierten. Je öfter ich in der Bibel die mehrfach erzählte Jesusgeschichte hörte, desto mehr Parallelen fand ich zwischen unserer Zeit und der Geschichte von Jesus: Eine Gesellschaft, die von wenigen beherrscht und von vielen ertragen wurde.

Unter anderem hat mich ausgerechnet der Papst zu diesem Text inspiriert. In seiner Enzyklika «Magnifica Humanitas» hat Leo XIV. über Künstliche Intelligenz, neue Formen der Sklaverei, Ausbeutung in globalen Lieferketten und über die Macht weniger über viele geschrieben. Ein religiöser Führer, der bemerkenswert klare und gute Worte für einen zutiefst weltlichen Notstand findet. Wenn es dem Papst gelingt, einen weltlichen Notstand aus religiöser Sicht zu betrachten, dann darf es vielleicht auch mir in umgekehrter Richtung gelingen, eine weltliche Parabel für eine religiöse Geschichte zu schreiben.

Das «Evangelium» ist ein Versuch, die Geschichte von Jesus ohne Wunder und ohne Gott zu erzählen. Es stützt sich weder auf theologische noch auf historische Studien, sondern ist eine Parabel, welche auf einer berühmten Geschichte aufbaut. Natürlich macht das diesen Text zu einer Form der Exegese, eine wahrheitssuchende Interpretation eines Textes. Es liegt mir jedoch fern, eine neue religiöse Strömung zu erschaffen; insbesondere nicht innerhalb des Christentums.

Mir ist überdies klar, dass ich nicht die erste Person bin, die Jesus aus einer solchen Perspektive darstellt. Aufgrund des Kontexts, den ich erschaffen möchte, halte ich das Gesamtprodukt jedoch für originell und relevant. Ich möchte mit dieser Parabel einige spezifische Punkte vermitteln. Auf diese gehe ich erst im Schlusswort detailliert ein, damit man unvoreingenommen eigene Schlüsse ziehen und diese danach mit meiner Intention abgleichen kann.

Vorwort

Es folgen die Gedanken eines Jesus, wie er hätte sein können: ohne Wunder, ohne Gott, aber nicht ohne Plan. Es ist kein Tagebuch, sondern eine Darstellung von Eindrücken und Ideen einer Person, deren Welt uns vertrauter vorkommen wird, als uns lieb ist.

Verstehe dies weder als Angriff auf einen Glauben noch als Geschichtsunterricht, sondern als das, was es ist: eine Parabel über Menschen, die etwas verändern wollen. Darüber, wie viel es braucht und was der Preis dafür sein kann.

Eine Parabel, die zwei weltbekannte, religiöse Figuren als ihre Basis nimmt: Jesus und Moses. Gleichzeitig muss man diese Geschichten aber nicht kennen, um diese Parabel zu verstehen. Denn es geht mehr um das Jetzt als um das Damals.

Das Testament

Manchmal frage ich mich, ob die anderen dasselbe sehen wie ich. Die Ausbeutung, die Willkür, die Gleichgültigkeit. Vielleicht sehen sie es und es ist ihnen egal. Vielleicht sehen sie es und empfinden es als normal. Vielleicht empfinden sie es sogar als gerecht.

Heute habe ich wieder einen Tisch abgeliefert. Ein guter Tisch, ehrliches Handwerk. Der Käufer hat natürlich gefeilscht. Mir blieb kaum der Lohn eines halben Tages. Natürlich habe ich genickt und gedankt. Das ist mein Leben: Ich baue Dinge, andere besitzen Dinge. Und ich schweige zu Dingen, die andere entscheiden. Auf dem Heimweg sah ich, wie die Zöllner einen alten Mann demütigten, der seine Abgaben nicht zahlen konnte. Niemand schaute hin. Es war allen egal. Ja, auch ich schaute weg. Ich kann meine Abgaben zahlen. Aber was hätte ich auch tun sollen? Ich bin ja einfach ein Handwerker. Meine Hände können Dinge formen, aber nicht die Welt. Und ich bin zu alt, um noch einen anderen Weg einzuschlagen.

Heute Nacht kann ich nicht schlafen und meine Gedanken kreisen wieder um diese alten Geschichten, die unsere Leben so sehr beeinflussen. Wie wir alle, kenne ich sie, seit ich denken kann. Meine Mutter hat sie mir erzählt, die Lehrer haben sie mir eingeprägt; ich könnte sie rückwärts aufsagen. Und doch glaube ich sie nicht. Zumindest nicht all diese Wunder. Als Kind habe ich gewartet: auf ein Zeichen, ein Flüstern, die kleinste Sache hätte gereicht, einfach irgendetwas. Es kam nichts. Nie. Ich sehe Kranke, die beten und trotzdem sterben. Und ich sehe Gedeihende, welche alles Gute mit den Füssen treten und trotzdem belohnt werden.

Aber ein Gedanke lässt mich nicht mehr los. Moses, wie er auf den Berg stieg und mit den Gesetzestafeln zurückkam. Wenn ich das Wunder weglasse, sehe ich einfach einen Mann, der ein Volk führen musste, das Generationen in Sklaverei verbracht hatte: ungebildet, zerstritten, verängstigt. Wie erklärt man solchen Menschen, warum sie nicht stehlen, nicht morden, einander nicht betrügen sollen? Man kann nicht mit jedem einzeln debattieren. Aber man kann auf einen Berg steigen, vierzig Tage nachdenken, die Regeln aufschreiben und dann sagen: Sie kommen von Gott. Gegen Moses kann man argumentieren. Gegen Gott nicht.

Ich glaube nicht, dass Moses ein Prophet war. Vielleicht war er ein Mann wie ich, der etwas verändern wollte und das einzige Werkzeug anwendete, das funktioniert. Dieser Gedanke beeindruckt mich viel mehr. Er kannte sein Volk und wusste, was zu tun ist.

Wenn Moses das konnte, warum nicht auch ich? Diese Frage bohrt sich tiefer und tiefer in mich wie ein Splitter, den man nicht mehr rauskriegt. Der Glaube der Menschen ist da, ob ich ihn teile oder nicht. Er ist wie ein Fluss: Man kann ihn nicht wegwünschen, aber man kann vielleicht ein Mühlrad hineinstellen. Ich brauche keinen Gott, um an das Gute zu glauben. Aber die Menschen brauchen vielleicht einen Gott, um es zu tun. Ist das Betrug? Ich denke lange darüber nach. Wenn eine Lüge Menschen dazu bringt, einander zu lieben statt zu übervorteilen … Dieser Gedanke erweckt ein gewisses Unbehagen in mir.

Das Unbehagen, dass irgendwas falsch daran ist, nagt an mir. Und dennoch: Es scheint mir in unserer Welt die einzige Möglichkeit zu sein. Die Welt ähnelt auf eine beinahe irrwitzige Art der Welt, in der Moses lebte. Alle sind mit Überleben und Dienen beschäftigt. Wir haben keine Zeit für Erklärungen, die nur zu Debatten führen würden. 

Ich habe angefangen zu planen. Es ist seltsam, mit über dreissig Jahren zum ersten Mal einen eigenen Plan für sein Leben zu haben. Und ich merke, dass mir die Umstände sogar in die Hände spielen. Man tuschelt seit jeher über meine Herkunft. Ich wurde aus mysteriösen Gründen weit weg geboren. Gewisse Zeiten stimmen nicht ganz und die Leute rechnen gerne nach. Mein ganzes Leben war dieses Getuschel eine Scham. Doch es könnte auch ein Fundament sein. Wenn niemand sicher weiss, wessen Sohn ich bin, dann bin ich halt … Gottes Sohn. Oh mein … ja, das zu denken fühlt sich falsch an. Es ist ungeheuerlich. Es würde unglaublich anecken und empören. Aber wahrscheinlich braucht es genau das. Sie reden eh schon über mich. Vielleicht sollte ich das Narrativ steuern.

Nun ist inzwischen etwas passiert, das mich mehr beschäftigt als dieser Plan. Vor ein paar Tagen war ich bei der Frau nebenan, die besessen sei. Sie schreit nachts, sie zittert, sie spricht wirr. Alle meiden sie. Ich weiss nicht, was mich dazu bewegt hat, aber ich habe mich zu ihr gesetzt. Einfach nur da gewesen und zugehört. Sie erzählte von ihrem toten Kind, vom lieblosen aber gewaltvollen Zuhause und von der konstanten Angst und Trauer, die sie innerlich auffressen. Ich sagte kaum etwas. Als ich ging, war sie ruhiger. Wir trafen uns gestern erneut. Heute ist sie noch ruhiger. Einige sagen nun, ich hätte den Dämon ausgetrieben.

Es beschäftigt mich, dass die Menschen denken, ich hätte einen Dämonen ausgetrieben. Vielleicht habe ich das ja? Aber ich glaube nicht an Dämonen. Es gibt genau so wenige Zeichen von ihnen, wie es sie von einem Gott für mich gibt. Aber es gibt Menschen, denen niemand zuhört. So denke viel von dem, was man Krankheit und Besessenheit nennt, ist Einsamkeit, Angst, Verzweiflung. Vieles scheint heilbarer zu sein als gedacht. Nicht mit Wundern, sondern mit Zeit und Mitgefühl. 

Mir wird aber klar: wenn die Leute es Wunder nennen wollen, sollte ich sie lassen. Das Wunder dient dem Plan. Das Zuhören dient den Menschen. Beides ist wahr.

Nun reden alle plötzlich von einem Johannes, dem Täufer am Jordan. Von dem, was ich höre, scheint er ähnliche Meinungen zu haben, wie ich. Und die Menschenmassen pilgern zu ihm. Er tauft, er predigt und hat sehr viel Aufmerksamkeit. Ich denke, ich sollte ihn auch aufsuchen. Soll ich mich von ihm einfach taufen lassen?

Heute habe ich am Abend Johannes gesucht und ihn angesprochen. Mein Ziel war, die Situation zu ertasten. Beziehungsweise, eher seinen Charakter. Ich fühlte mich sofort mit ihm und seinem Wesen tief verbunden. Er selbst machte einige kritische Aussagen über den Glauben an sich und kritisierte, wie er vor allem zur Unterdrückung verwendet werde. So platzte plötzlich die Wahrheit aus mir heraus. Ich hätte ihn belügen sollen, war mein erster Gedanke. Ich erzählte ihm von meinem geplanten Narrativ und wie ich schon die eine oder andere Person (vielleicht mit der Lüge oder mit der wahren Botschaft) ins Boot holen konnte. Ich täte es nicht für mich, versicherte ich ihm, sondern für das, was man damit erreichen kann. Ich erwartete Zorn oder Spott. Stattdessen schwieg er lange und sagte schliesslich: «Ich würde mich nie den Messias nennen. Weil ich zu sehr um mein Leben fürchte. Ich glaube, was du tust ist ein Spiel mit dem Feuer.» Doch er lächelte während dieser Worte. «Wenn ich ehrlich bin, warte ich eigentlich auf jemanden wie dich. Ich glaube, die Welt wartet auf jemanden wie dich.»

Wir planen jetzt gemeinsam. Es beginnt mit einer Taufe vor grosser Menge, in welcher ich mich unscheinbar befinden werde. Doch Johannes wird mich lautstark aus der Menge picken, mich den nennen, worauf er gewartet hatte. Wir besprechen, wo ich auftreten soll, wann, vor wem. 

Die Taufe ist einige Zeit her und der gewünschte Effekt hat sich tatsächlich eingestellt. Wir überlegen noch gemeinsam, was für Wunder sich zeigen lassen. Es klingt zynisch, ich weiss. Aber es fühlt sich ehrlich gesagt nicht zynisch an. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich das Gefühl, dass meine Hände etwas anderes bauen als Tische. Und ich sehe das auch im Verhalten der Menschen, die unsere Botschaft verstehen. Wir sind nicht viele, aber wir tun viel Gutes.

Monate vergingen, Johannes und ich gehen dem Narrativ entsprechend unabhängige Wege. Und ich habe nun einen engen Kreis an Menschen die auch an das Ziel glauben: Zwölf Personen, die mit mir ziehen und die Botschaft, aber auch die Lüge glauben. Uns empfangen immer wieder und immer grössere Gruppen an Interessierten. Ich predige das, woran ich wirklich glaube. Das Sonderbarste ist, dass ich fast nie lügen muss. Liebe deine Nächsten; Sei dir deiner eigenen Sünden bewusst; Kenne deine Privilegien und setze sie für Gutes ein; Hinterfrage deinen Reichtum. Nur den Rahmen habe ich geliehen, den Gott, den Vater im Himmel.

Aber ich muss auch ehrlich mit mir sein: Es sind zu wenige. Ja, mich haben ein paar hundert Menschen angehört und gesagt, dass sie unsere Ziele auch anstreben möchten. Aber werden die Botschaft wirklich verinnerlichen? Werden sie sie weitertragen? Man kennt im Land nicht mal mein Gesicht. An jedem Ort müssen wir quasi von vorne beginnen. Wir Dreizehn werden alt sein, bevor daraus etwas wird. Sofern wir es überhaupt erleben. Ich möchte nicht wie Moses auf der Bergspitze sterben ohne das Ziel zu erreichen.

Dieses Problem hat mich nun wirklich lange beschäftigt und nun habe ich einen Plan. Er ist schon riskant. Johannes’ Worte schleichen sich in meinen Kopf. Aber ich glaube auch, dass es notwendig ist. Aufmerksamkeit bekommt nicht, wer einfach predigt. Aufmerksamkeit bekommt, wer verfolgt wird. Würde ich verhaftet werden, würde jeder meinen Namen kennen. Und ich bin mir sicher, dass viele eine Verhaftung für ungerecht halten würden. Schliesslich habe ich nichts illegales getan. Ich habe bloss von Liebe geredet. Gut, ich nenne mich auch den Sohn Gottes. Aber was soll die Strafe für Gotteslästerung sein. Vielleicht Peitschenhiebe, vielleicht eingesperrt werden. Sie werden mich aber irgendwann freilassen müssen, denn ich habe keine Straftat nach römischem Gesetz begangen. Die Ungerechtigkeit meiner Verhaftung wird lauter predigen als ich es je könnte. Das Risiko ist kalkulierbar, da bin ich mir sicher. Es ist kalkulierbar.

Wir sind nun seit einigen Tagen in Jerusalem. Das Passafest steht an und die Stadt kocht, die Römer sind nervös, der Tempelrat auch. Heute habe ich im Tempel eine kleine Show dargeboten: Ich habe die Tische der Geldwechsler umgestossen und sie laut verurteilt. Oh, was das ausgelöst hat! Sie reden über mich und sie mögen mich nicht. Ganz und gar nicht. Ich bedrohe ihr System. Doch sie wissen nicht, wer ich bin. Das werden wir nun ändern.

Es war keine schwierige Entscheidung, wen ich auswählen würde für die schwierigste Tat. Ich kenne meine Zwölf so gut und innig. So nahm ich am Nachmittag Judas beiseite. Er ist der Einzige, dem ich das zumuten kann und es auch zutraue. Sein Auftrag war simpel aber für einen Nächsten unglaublich schwierig: Er soll mich verraten und den Wachen ausliefern. Natürlich weigerte er sich. Er weinte und flehte mich an, es nicht zu tun. Mein Mitgefühl für ihn war so stark, doch ich musste meiner Überzeugung folgen. «Mein Vater im Himmel beschützt mich, es ist Teil des Plans. So wie er uns bei der Durchquerung des Meeres beschützt hat.» Ich fühle mich schrecklich für diese Lüge, die ich in sein tränennasses Gesicht sagte. Sie fühlt sich so falsch an. Am liebsten hätte ich ihm die ganze Wahrheit gesagt. Doch was hätte das gebracht? Hätte er mich vielleicht aus Wut verraten? Ich möchte keinen Freund verlieren.

Heute Abend habe ich mit den Zwölfen gegessen. Ich habe Brot gebrochen und Wein geteilt und ach, ich kenne sie alle so gut. Petrus schwor mir heute, er würde mit mir sterben. Petrus, der grosse, laute, treue Petrus. Bei jedem Sturm auf dem See schrie er als Erster. Ich lachte und sagte prophetisch: Ehe der Hahn kräht, wirst du mich einige Male verleugnet haben. Er war entsetzt. Aber er weiss ja auch nicht, was in Kürze passieren wird. Das war keine Prophezeiung sondern einfache Menschenkenntnis. Aber wir werden sehen, vielleicht überrascht er mich, wenn es ums Eingemachte geht. Ich will aber auch nicht, dass sie mit mir verhaftet werden. Die Bewegung braucht sie draussen, nicht drinnen.

Gleich gehen wir in den Garten. Ich bin aufgeregt, nein, ich habe Angst. Aber niemand darf das bemerken. Es ist nur eine Verhaftung. Mir wird nichts passieren und in ein paar Tagen bin ich frei und sie werden nicht nur meinen Namen und mein Gesicht, sondern auch meine Botschaft kennen.

Da kommt Judas.

Hier kommt das Verhör, doch da geht etwas vor, das ich nicht verstehe.

Ich kann das nicht glauben. Etwas ist furchtbar schiefgelaufen. Ich habe total falsch eingeschätzt, was sie suchen. Denn was sie begehren, ist ein Exempel. Dass ich nichts getan habe, war vollkommen irrelevant. Aber es geht auch gar nicht um mich. Sondern es geht um das System, das sie schützen müssen, weil sie von ihm profitieren. Natürlich hatte ich daran gedacht, aber nicht, dass sie so weit gehen würden, mich zu Tode zu verurteilen. Aber natürlich, sie müssen ein Zeichen setzen. Ich soll ihr Warnschild werden: Das blüht euch, wenn ihr den Mund aufmacht. Der Richter hätte mich retten können, doch auch er ist auf der profitierenden Seite des Systems. Die Menge liess sich von einer einzigen Stimme gegen mich anheizen. Der Richter schaute weg, so wie …

Ich kann nicht mehr. Sie zwingen mich, mein eigenes Kreuz zu tragen. Sie verspotten mich. Ich ertrage das nicht. Bei jedem brennenden Schritt hoffe ich … auf einen Aufstand, auf Petrus mit dem Schwert, auf eine Begnadigung, irgendwas, irgendjemanden. Doch die Menschen am Wegrand glotzen einfach auf das Spektakel. Einige weinen. Niemand tut etwas. Alle schauen weg, so wie ich damals.

Ich liege auf dem Kreuz. Der erste Schlag. Mein Bewusstsein, mein Leben, alles fliegt davon. Und der Schmerz hört einfach nicht auf. Ich höre irgendwann, wie ich nach Gottes Hilfe schreie. Natürlich kommt sie nicht. Ich habe gar nicht bemerkt, wann sie das Kreuz aufgerichtet haben. Es war alles umsonst. Ich habe kaum etwas erreicht, ausser dass ich Judas’ Leben zerstört habe. Das Delirium nimmt mir den Schmerz und es wird alles langsam dunkel.

Ich habe mein Leben für nichts geopfert.

Nachwort

Für einige Zeit entsprach Jesus’ letzter Gedanke nicht der Wahrheit. Schliesslich ist aus seinem kurzen Wirkungszeitraum eine der grössten Religionen unserer Spezies geworden. Wie es auch immer geschah, die übrigen elf Jünger entschieden, die Bewegung nicht sterben zu lassen. Aus einem Gescheiterten machten sie einen Märtyrer und schliesslich den Messias. Sie bezahlten vielleicht Menschen, die Jesus nach seinem Tod spielen sollten. Hier eine Erscheinung vor den Frauen, dort der Fremde auf dem Weg nach Emmaus. Dass er manchmal zunächst kaum erkannt wurde, stellte sich interessanterweise nicht mal als ein Problem heraus.

Ohne einen Gott muss die Auferstehung ihr Werk gewesen sein. Wahrscheinlich aus dem tiefsten Wunsch, dass dieser Tod nicht umsonst gewesen sein darf. Insbesondere weil noch mehr als nur an ihn, an seine Vision glaubten.

Und dennoch forderten die Lügen bereits nach kürzester Zeit ihr erstes Opfer. Judas konnte nicht weiterleben mit dem, was er getan hatte. Diese Lüge, die ihn schützen sollte, wurde zu dem, was ihn zerbrach. Er verlor den Glauben an alles und nahm sich schliesslich das Leben.

Schlusswort

Ich erzähle die Geschichte so, weil sie ohne ein einziges Wunder auskommt und trotzdem nichts von der Kraft verliert. Es braucht keinen Gott um vom Lebenswerk einer Person beeindruckt zu sein. Ein Mensch, der die Ungerechtigkeit seiner Zeit erkennt und alles einsetzt, um sie zu verändern, ist beeindruckend genug. Vielleicht sogar beeindruckender ohne göttlichen Beistand.

Und dieser Jesus war weder Politiker noch anerkannter, religiöser Führer. Er war ein einfacher Handwerker, der sich unbedeutend und machtlos hielt, vielleicht sogar für zu alt. Das sind Gefühle, die viele von uns kennen. Doch am Ende brauchte es nur elf Menschen, die an diese Sache glaubten, damit daraus etwas entstand, das zwei Jahrtausende überdauert hat. Wenige Menschen sind also nicht unbedingt nur eine kleine Kraft.

Dies ist kein christlicher Text. Sollte es einen historischen Jesus gegeben haben, hatte er unter anderem aussergewöhnlich gute Ansätze: radikale Nächstenliebe, Solidarität mit den Schwächsten, Kritik an Geld und Macht. Andere Religionen haben andere Propheten mit anderen guten und auch ähnlichen Ansätzen. Ich habe Jesus’ Geschichte gewählt, weil sie mir am vertrautesten ist. Wie so vieles wurden aber auch seine Ideen Opfer von Machthunger und später von Kapitalismus. Kirchen wurden reich, mächtig und politisch. Das Gegenteil dessen, wofür er wahrscheinlich stand. Womöglich hatte der Jesus meiner Interpretation sogar recht mit seinem letzten Gedanken.

Das ist aber auch keine Kritik an Glaubenden. Glaube kann einem viel geben und am Ende wissen wir alle nicht, was uns tatsächlich erwartet und ob uns etwas oder jemand geschaffen hat oder beschützt.

Es ist aber egal, woran man glaubt. Denn es spielt keine Rolle, ob eine Geschichte wahr oder erfunden ist. Ob jemand Superkräfte hat, von Gott gesandt wurde oder nur ein Zimmermann mit einem Plan war. «Liebe deinen Nächsten» ist nicht nur dann eine grosse, wichtige Botschaft, wenn der Sprecher Gottes Sohn ist. «Mit grosser Macht kommt grosse Verantwortung» ist nicht weniger wert, nur weil es aus einem Comic-Heft stammt.

Weisheit und Erkenntnis lässt sich aus allem ziehen: aus heiligen Schriften genauso wie aus Romanen, Filmen, Liedern oder Gemälden. Selbst im kleinsten Gespräch auf einer Bank mit einer Fremden. Was eine Geschichte uns lehrt, hängt weder davon ab, ob sie passiert ist, noch davon, was die Autor:in beabsichtigt hat. Jede Person liest mit ihrem Leben als Hintergrund und was man darin findet, ist echt.

Auch wenn ich die Beweggründe fürs Lügen historischer Personen verstehe, so sehe ich sie dennoch nicht als gute Lösung an. Der Jesus meiner Geschichte bewunderte den Moses für die List und erkannte aber nicht, dass auch von Moses’ Nachricht nur wenig Gutes übrig war. Die Lüge fühlt sich wie ein gutes Werkzeug an. Doch es ist ein Werkzeug, das von allen Seiten genutzt werden kann. Wir sollten inzwischen in einer Welt leben, in der man die Menschen nicht mehr mit Lügen zu ihrem «Glück» zwingen sollte. Insbesondere in Demokratien. Gleichzeitig fühlt es sich aber so an, als wären Lügen vielerorts immer noch zentraler Katalysator für das Steuern der Massen — insbesondere in Demokratien. Es hat sich halt bewährt. Für Gutes, ja vielleicht. Aber auch für viel Schlechtes. Und insbesondere für ganz viel ungerechte Machtverhältnisse. 

Lasst uns das ändern.